Wir beginnen unseren Rundgang an den Arche Scaligere, an denen uns eine Gruppe von Ritterfiguren aus Stein diese innige Liebesgeschichte "erzählen" wird. Wir gehen anschließend am Haus des Romeo vorbei und befinden uns direkt im Anschluss am Balkon der Julia, um ihr einen Gedanken zu widmen. Dann gehen wir in Richtung der Kirche San Fermo weiter und erreichen schließlich das Freskenmuseum am Grab der Julia, die legendäre Begräbnisstätte der bekannten Heldin.
Wir treffen uns an einem mysteriösen Ort, der sich nur wenige Schritte von der Piazza dei Signori entfernt befindet: Die Skaliger-Gräber.
Es handelt sich um die im gotischen Stil erbauten Begräbnisstätten der Signori della Scala, der berühmten Herrscherfamilie der Skaliger, welche Verona zwischen 1200 und 1300 regierte. Die ältesten Gräber sind als einfache Steintruhen auf den Boden gesetzt worden. Hingegen bestehen die weiter ausgearbeiteten Gräber aus einem Sarkophag mit einer liegenden Statue und einem Baldachin in pyramidaler Form, welcher von einer Statue des Herrschers zu Pferd überhöht wird.
Der Bau der drei bedeutendsten Mausoleen begann 1329 nach dem Tod von Cangrande I. della Scala: Sein Grab ist jenes, welches sich oberhalb der Pforte der Kirche Santa Maria Antica befindet, also außerhalb der Einzäunung des Geländes. Daran angrenzend, jedoch innerhalb des Gitters, befindet sich die Truhe von Mastino II. della Scala, die aufwendiger und reicher an Ornamenten gestaltet wurde. In der gegenüberliegenden Ecke sieht man den Sarg von Cansignorio della Scala, welcher eine hervorgehobene Position zwischen seinen Verwandten einnehmen wollte. Sein Grab, das wortwörtlich ,,voll“ von Personen und interessanten Einzelheiten ist, erweckt den Anschein eines altertümlichen Ritterturniers, das für Kinder gestaltet wurde. Vielleicht hat er es ein wenig übertrieben! (Achtung: Die Statuen von Cangrande I. und von Mastino zu Ross sind Kopien. Die Originale werden im Museum des Castel Vecchio aufbewahrt, welche man auf dem Rundgang Nr. 2 entdecken kann.)
Haben Sie bemerkt, dass diese Herrscherfamilie eine wahre Passion für Hunde hatte und sie sogar zu ihrem Wappentier machten? So ist Ihnen auch sicherlich nicht die Analogie zu unserem gewählten Maskottchen der Internetseite, dem Mastiff, entgangen! Es wird Sie wahrscheinlich verwundern, direkt neben den Fenstern der Paläste, in denen die Skaliger wohnten, einen kleinen Friedhof mit derartig prunkvollen und monumentalen Gräbern vorzufinden. Es ist in der Tat sehr selten, eine Begräbnisstätte mitten in der Stadt zwischen Häusern zu finden. Dennoch war der Bau eine bewusste Entscheidung der Signori della Scala: Sie wollten auch nach Ende ihrer Herrschaft die Erinnerung an ihre Macht lebendig erhalten...haben sie das geschafft? Natürlich, denn diese Kunstwerke werden für die Stadt Verona immer von Bedeutung sein!
Heutzutage ist es leider nicht immer möglich den Bereich der Umzäunung zu betreten und die Gräber von nahem zu betrachten: Jedoch kann man auch von außen diese außergewöhnlichen Bauten mit ihren faszinierenden Einzelheiten erfassen. Das Gitter (Foto von Mattia Cinacchi), welches die Särge umringt (einige Teile der Umzäunung sind Originale; andere Teile sind eine moderne Wiederherstellung), ist eine echtes Meisterwerk: Es wurde in einer losen Maschenstruktur im Stil "maglie mobili" ohne Fixierung ausgeführt, ähnlich dem Muster eines Kettenhemdes, welches die Ritter im Mittelalter trugen. Innerhalb der Maschen ist vermehrt das Symbol der Skaliger und das Abbild kleiner Hellebarden zu sehen.
Wenn Sie die Einzelheiten und die Gesamtheit der Monumente mit Aufmerksamkeit betrachtet haben, wird Ihnen sicherlich nicht der "lebhafte" Aspekt entgangen sein, den die Skaliger an diesem Ort hinterlassen wollten. So wollten sie wirklich vor nichts zurückschrecken, nicht einmal vor dem Tod. Zu ihrer Zeit lebten noch weitere Adelsfamilien, welche alle fest entschlossen waren, eine wichtige Rolle für die Stadt einzunehmen. Diese wurden oft von denselben heftigen, leidenschaftlichen und oft auch gewaltbereiten Bestrebungen angetrieben: Aus diesem Grund erfolgten ständige Duelle und Auseinandersetzungen.
Ein Ereignis, welches sich vermutlich während der Herrschaft von Bartolomeo della Scala (1301- 1304), dem älteren Bruder von Cangrande I., abspielte, machte Verona weltweit bekannt: Die aufblühende Liebe zwischen der wunderschönen Tochter der Familie Capuleti und dem jungen Sohn der Rivalen Montecchi. Vielleicht kennt eine der in Stein gehauenen Figuren, die Sie vor sich sehen, besondere Geheimnisse dieser Liebe und kann Ihnen ihre Version der Geschichte von Romeo und Julia erzählen.
Man weiß nicht genau, ob diese Persönlichkeiten wirklich existiert haben. Während Historiker sich bemühen die Chroniken dieser Geschichte genauer zu erforschen, träumt der Rest der Welt immer noch, während er die wunderschönen Verse von William Shakespeare liest. Ende des 16. Jahrhunderts wurde diese tragische Geschichte geschrieben, in welcher zu guter Letzt Freundschaft und Liebe über Hass und Rache triumphierten.
Verlassen wir nun die einsamen Gräber der Ritter und biegen, während wir uns rechts zur Ecke der Einzäunung drehen, in die Via Arche Scaligere ein: Ein wenig weiter, auf der linken Seite, werden Sie ein schönes, großes Gebäude sehen, welches der Erzählung nach das Haus des Romeo ist.
Wenn Sie die Via Arche Scaligere weiter entlang gehen, kommen Sie zur Piazza Viviani: Bleiben Sie auf der rechten Seite bis Sie an der Piazza delle Erbe ankommen und biegen Sie dann links in die Via Cappello ein. Sagt Ihnen der Name etwas? Wenige Schritte weiter, auf der linken Seite, befindet sich ein Tor, das Sie zum Innenhof des Hauses der Julia, Tochter der Familie Capuleti, führt.
Der kleine Palazzo wurde im Inneren restauriert und mit Objekten und Gemälden, die die Epoche und die Geschichte von Julia und Romeo widerspiegelen, ausgestattet. Draußen, an den Wänden des Hauses, wird es Sie sicherlich überraschen, zahlreiche Graffitis zu sehen und zu lesen: Unzählige aufeinander geschichtete Liebesbotschaften, mit denen sich junge Verliebte von heute verewigt haben...aber waren die Liebesbriefe von früher nicht viel schöner?
Wenn Sie den Hof des Hauses der Julia verlassen haben, befinden Sie sich in der Via Cappello. Um zur nächsten Etappe zu gelangen, richten Sie sich nach links aus: Während Sie diese Straße entlanggehen, möchten wir Ihnen einige Informationen zu ihr liefern. Wie Sie sicherlich bemerkt haben, ist die Via Cappello eine Straße mit unzähligen Schaufenstern schöner Geschäfte. Sie ist von den Veronesen und Touristen sehr frequentiert. Wichtig zu wissen ist, dass diese Straße bereits in der römischen Epoche existierte und eine der zwei Hauptstraßen, also Angelpunkt der Stadt, war. Sie verband das Forum (die heutige Piazza delle Erbe) mit dem Torbogen, welchen Sie gleich antreffen werden: Die Porta Leoni.
Dieser Torbogen war einer der zwei Haupttore des römischen Verona (der zweite war die Porta Borsari). Er befindet sich im Süd-Osten der Stadt und schließt an den wichtigen Angelpunkt, die Via Cappello, an. Jetzt können Sie einen Teil der Fassade und, ein wenig weiter vorn, die Grundmauern einer der zwei höchsten und massivsten polygonalen Türme der Stadt sehen. Um Ihnen einen Eindruck zu geben, wie das Tor aussehen sollte, als es gebaut worden ist (1. Jhr. n. Chr.), können Sie die zwei Informationstafeln auf der Innenseite des Torbogens betrachten. Hierauf kann man die ursprüngliche Form des Tores und die noch bestehenden Teile, die rot gekennzeichnet sind, sehen.
Die Architektur der Porta Leoni wurde besonders während der Zeit der Renaissance bewundert. Fasziniert von der Harmonie der Proportionen und der Raffinesse des Dekors, kopierten zahlreiche Künstler diesen Bau. Was halten Sie davon? Gefällt Ihnen das Tor? Vielleicht sind sogar Romeo und Julia im Schatten dieses antiken Tores stehen geblieben, um sich ihre Geheimnisse anzuvertrauen! Bevor wir weitergehen, schlagen wir Ihnen vor, dem Torbogen noch einige Minuten zu widmen: Wir werden Ihnen ein Geheimnis verraten! Wenn Sie sich neben die Fassade begeben, werden Sie einen schmalen Zwischenraum sehen. Dieser unterbricht die Ansicht auf das weiße Gestein auf eine andere Fassade, welche aus Ziegel und Tuffstein besteht. Hinter dem "neueren" Tor, welches im 1. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde, versteckt sich nämlich ein noch älteres Tor, das zum Mauerring der Stadt gehörte. Dieses wurde etwa ein Jahrhundert früher erbaut!
Nun können wir auf unserer Route auf der Suche nach den Spuren von Romeo und Julia fortschreiten. Nachdem wir die Porta Leoni hinter uns gelassen haben, bewegen wir uns in Richtung der Etsch, welche in unmittelbarer Nähe fließt. Auf der rechten Seite der Ponte Navi befindet sich eine der schönsten und wichtigsten Kirchen Veronas: San Fermo Maggiore.
Die Seite der Kirche, welche Sie von der Ponte Navi aus sehen können, ist die halbrunde Seite, also die Hinterseite der Kirche entgegengesetzt zur Hauptfassade. Die Kirche San Fermo ist eine Collage zweier verschiedener architektonischer Stile: Romanik (der Kirchturm, die Fassade, die kleineren Apsiden und der untere Teil der größeren Apsis) und Gotik. Die Fassade besteht abwechselnd aus Streifen aus Tuffstein und Ziegeln. Kennen Sie noch andere Monumente in Verona, die die gleichen "Zebrastreifen" haben? Wenn Sie einen Blick in das Innere der Kirche werfen möchten, können Sie durch den Seiteneingang eintreten und dort die wunderschöne, aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammende Holzdecke sehen.
Bewundern Sie auch das große Hauptschiff der Kirche, welches weder von Säulen, noch von Pfeilern unterbrochen wird. Das ist die typische Bauweise von Franziskaner-Kirchen. Zwischen den vielen Einzelheiten, die es wert sind zu betrachten, raten wir Ihnen einen Blick auf den Fresken ruhen zu lassen, für welche die Kirche berühmt ist. Die zwei Kreuzigungsszenen (eine befindet sich oberhalb der Tür, durch die Sie eingetreten sind; die andere oberhalb des Haupteingangs), Szenen, die einige Episoden des Heiligen Franziskus erzählen, jubelnde Engel, und, vor allem, das Fresko, welches dem Künstler Pisanello zugeordnet ist und das düstere Monument von Nicolò Brenzoni umgibt: Ein Abbild von Mariä Verkündigung. Betrachten Sie die Personen genauer: Ein Prophet im Zentrum, die Erzengel Raffael und Michael zu den Seiten, Gottvater in der Höhe in einer rosafarbenen Wolke, welcher das Jesuskind in einer kleinen Wolke Richtung Erde schickt, die Jungfrau Maria, die vom Erzengel Gabriel die Ankündigung ihrer bevorstehenden Schwangerschaft empfängt. Betrachten Sie, wie viele und welche Tiere Pisanello in sein Fresko eingefügt hat…
Begeben wir uns nun in den unteren Teil der Kirche, der der älteste Teil des gesamten Gebäudes ist: Sie befinden sich nun in einem deutlich einfacheren und schlichteren, aber dennoch stimmungsvollen Ambiente, als zuvor.
Nun machen wir einen Sprung in die Vergangenheit und stellen uns einmal vor, die leichten Schritte und das Rascheln von Julias Gewand an diesem Ort zu hören: Vielleicht hat sie hier für ein Gebet Halt gemacht und davon geträumt die Abende mit Romeo an einem Ort wie diesen zu verbringen! Nachdem Sie die Kirche verlassen haben, gehen Sie die gesamte Straße von San Fermo entlang, die an antiken und noblen Gebäuden vorbeiführt. Nun gehen Sie auf die letzte Etappe unseres Rundgangs zu: Das Grab der Julia.
Der Legende zufolge, soll der Sarkophag den Körper der Prinzessin enthalten und ist im Inneren des Klosters von San Francesco al Corso aufbewahrt. Das Kloster gehört heute zum Freskenmuseum (Museo degli Affreschi), welches Giovanni Battista Cavalcaselle gewidmet ist. Wenn Sie das Museum betreten haben, überqueren sie den Garten und betreten Sie die Krypta, wo Sie eine Urne aus rotem Marmor vorfinden werden…ein faszinierender Ort! Verharren Sie hier einen Moment und lassen sich von der Atmosphäre einnehmen, die am Grab der Julia vorherrscht.
Wenn Sie die Oberfläche des Marmors genauer betrachten, besonders an den Seiten, werden Sie bemerken, dass diese sehr unregelmäßig ist: Viele Stückchen sind im Laufe der Zeit abgesplittert und abgenommen worden, um daraus ein Souvenir oder gar ein Amulett in Form eines Anhängers zu gestalten! Romeo und Julia, auch wenn sie vielleicht nie existiert haben, haben der Welt den Mythos ihrer Liebe geschenkt, der den Tod und die Zeit überwunden hat.
Unser "Pilgerweg" auf den Spuren von Romeo und Julia endet hier: Wir empfehlen Ihnen aber die Besichtigung des Freskenmuseums zu vervollständigen, in dem sie in die oben gelegenen Säle hinaufsteigen. Dort können Sie Wandmalereien bewundern, die die Häuser, in der Zeit als Verona als bemalte Stadt ("città dipinta") galt, schmückten. Die ehemalige Kirche des Heiligen Franziskus behütet zudem weitere Gemälde von großem Wert und Schönheit. Zum Abschluss, können Sie sich nach draußen begeben und eine wohlverdiente Ruhepause im Grünen des kleinen Lapidariums (Sammlung von Steinwerken) außerhalb des Museums genießen…Wir freuen uns auf einen weiteren Tag mit Ihnen im wunderschönen Verona!